Viel mehr als nur 90 Minuten

Verein
01.04.2025

Sie wollen das Ausleben von Fankultur ermöglichen und müssen zugleich gewährleisten, dass Auflagen befolgt werden, die nicht jedem schmecken. Ein Job zwischen vieles möglich machen und Grenzen aufzeigen – unterwegs mit den Fanbeauftragten des SC Freiburg.

Für Temperaturen wie beim ersten Heimspiel des Jahres gegen Holstein Kiel muss der Begriff Eiseskälte erfunden worden sein. Die vier Fanbeauftragten des SC Freiburg sind in dicke Jacken eingepackt, und zweieinhalb Stunden vor Anpfiff wärmen auch die Thermopads in den Schuhen noch. In diesen Schuhen wird jede und jeder von ihnen heute bis zu 20.000 Schritte gehen, der Durchschnittswert für einen Arbeitstag bei einem Heimspiel des Sport-Club. Die meisten im Umlauf, ein paar auch außerhalb des Stadions. Bei alleine vier hauptamtlichen Fanbeauftragten sind das 80.000 Schritte, umgerechnet knapp zwölf Kilometer, die Sabrina Tröller, Sina Wochner, Andreas Wehrle und Tilman Buggle jeweils abspulen.

Weil die Sonne draußen bleiben muss, wird es beim Betreten des Europa-Park Stadions noch einen Tick frischer. Dafür scheinen die Leibchen gelb, die Sina Wochner an die Volunteers verteilt. 30 dieser ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer betreut die Fanbeauftragte. Pro Spieltag sind knapp 20 Volunteers anwesend, um den Stadionbesucherinnen und -besuchern sowohl im Heim- als auch im Gästebereich ein schönes Spieltagserlebnis zu ermöglichen. Dafür helfen sie bei der Platzsuche, geben Geräte aus, mit denen sehbehinderte Fans das barrierefreie Fanradio „Sportclub live“, vormals die sogenannte „Blindenreportage“, empfangen können. Und nicht zuletzt bringen sie mit dem SC-Mobil vor und nach dem Spiel geheingeschränkte Fans von der Straßenbahnhaltestelle bis zum Stadion und zurück. Nachdem Sina Wochner den Volunteers mitgeteilt hat, wer heute wo zum Einsatz kommt, schwärmen sie aus.

Rund um Andreas Wehrle strömen andere zum selben Zeitpunkt in Massen ein: die SC-Fans. Der Fanbeauftragte steht zwischen der Süd- und der Osttribüne, zwei Stunden vor Anpfiff beginnt der Einlass, der Andrang ist bereits groß, die besten Stehplätze sind begehrt. Wehrle hatte schon die ein oder andere nette Gespräch geführt, aber auch schon den Unmut mancher Anhänger abbekommen. Der Grund: Der Verein hat nach Abstimmung mit den sogenannten Sicherheitsträgern – darunter Polizei, Feuerwehr und Sicherheitsbeauftragte – und nach Konsultation der Fanbeauftragten am Vortag beschlossen, die Südtribüne für heute von der Osttribüne zu trennen. Grund dafür ist die Sicherheitseinschätzung nach Vorkommnissen an vorherigen Spieltagen. Bedeutet heute konkret: Sektorentrennung. Das gestaltet auch den Einlass komplizierter als sonst: Wer auf Ost will, sollte beim Einlass E1 rechts anstehen, wer auf Süd will links. Obwohl der Verein das am Vortag kommuniziert hat, haben viele es nicht mitbekommen und stehen falsch – und Andreas Wehrle muss besänftigen. Manchmal sind die Fanbeauftragten eben die ersten Blitzableiter.

Wie das sicherlich auch ganz grundsätzlich zu ihren größten Herausforderungen zählt: Möglichst viel möglich und möglichst vielen alles recht zu machen. Das „Ausleben von Fankultur zu ermöglichen“, nennt Sabrina Tröller das. Dabei weiß sie genau, dass sie gleichzeitig auch Entscheidungen des Vereins oder der Polizei und Auflagen der Deutschen Fußball Liga (DFL) übermitteln und umsetzen muss, die nicht jedem Fan schmecken. Aber genau das ist es eben: ein Job zwischen Dinge möglich machen und klare Grenzen setzen.

Das Miteinander hilft allen 

Was oft hilft: Kommunikation. Fanbeauftragte müssen „nah dran sein“ an den Fans, sagt Sabrina Tröller, und „zuhören können“, auch, „um Vertrauen aufzubauen“. Viele Fans kämen mit konkreten Anliegen auf die Fanbeauftragten zu, erzählt sie. Sie denke dabei etwa an die Gestaltung des Umlaufs im Europa-Park Stadion oder an die Anregungen zum Thema Schutzkonzept „Fuchsbau“, das sich mittlerweile im Europa-Park Stadion etabliert hat und in dieser Saison auf die Heimspiele der SC-Frauen und der U23 im Dreisamstadion ausgeweitet worden ist. „Dieses Miteinander“, sagt Sabrina Tröller, „hilft allen Fans und letztlich dem gesamten Verein, voranzukommen.“

Ziemlich weit vorangekommen sind an diesem Heimspieltag des SC Freiburg auch die Gästefans aus Kiel. Genauer gesagt: 850 Kilometer. Manche haben morgens um 4 Uhr den Zug bestiegen, andere sind zehn Stunden mit dem Auto hergefahren. Nun, knapp anderthalb Stunden vor Anpfiff, schwappt eine große blau-weiße Welle ans Europa-Park Stadion. Die SC-Fanbeauftragten Sabrina Tröller und Tilman Buggle stehen im Gästeblock, sind in Kontakt mit den Fanbetreuer/innen der Gäste und auch mit der aktiven Fanszene aus Kiel, die gerade ihre Banner an die Zäune hängt.

Das für Außenstehende Unsichtbare wird hier sichtbar. Über die gesamte Woche vor einem Heimspieltag sind die Fanbeauftragten mit den Gästen in Kontakt. Choreos werden angemeldet und abgesprochen; die Anreise der Gästefans, etwa mit Sonderbussen und -zügen, durchgegeben. So können sich die verschiedenen Sicherheitsträger darauf einstellen oder Gästefans mit Behinderung rechtzeitig Infos erhalten, wie sie barrierefrei ins Stadion kommen. „Alles ist auf den Spieltag ausgerichtet, die Arbeit im Vorfeld und Hintergrund ist allerdings oftmals größer als am Spieltag selbst“, sagt Tilman Buggle.

Zur Arbeit im Vorfeld zählt etwa auch die Kommunikation mit der aktiven Fanszene, mit Ultragruppen und der Fangemeinschaft (FG), die in Freiburg als Dachverband der Fanclubs fungiert. Auch zusammen mit der FG haben die Fanbeauftragten in Absprache mit Stefanie Schaub, die die Fanbetreuung beim SC unterstützt, und dem FG-Vorstand verschiedene Angebote und Projekte für Fanclubs geschaffen.

Auch auswärts aktiv

Hauptamtliche Fanbeauftragte gibt es beim Sport-Club seit 2011, damals hießen sie noch „Fankoordinator“. Nach Michael Weber war André Wunder der erste offizielle Fanbeauftragte, 2018 kam Sabrina Tröller dazu. Gemeinsam haben sie schon vieles angestoßen, angeregt und umgesetzt für die Freiburger Fanszene, die in den vergangenen acht Jahren von etwa 2.500 auf 6.000 Fanclubmitglieder angewachsen ist. Zu diesen Projekten zählen das Schutzkonzept „Fuchsbau“ oder das SC-Mobil für geheingeschränkte Menschen genauso wie regelmäßige Mitgliederforen oder Treffen des Fanbeirats und der Fan-Talk mit den SC-Frauen. Nicht zu vergessen die Betreuung der Gäste und ihrer Fans und die Begleitung von SC-Fans bei Auswärtspartien; und natürlich auch die vielen kleineren Maßnahmen wie das Anbringen von Hygieneartikelspendern in den Stadiontoiletten.

Wenn am Abend nach dem 3:2-Heimsieg gegen Kiel die letzten Fans gegangen sind, breitet sich die Ruhe nicht nur im Stadion aus. Auch die Fanbeauftragten fahren dann runter und merken dabei erst so richtig, was sie den Tag über alles weggearbeitet haben. Wieder einmal eine ganze Menge jedenfalls.

Manches wird klarer, wenn man sie über die viel mehr als nur 90 Minuten eines Heimspiel hinweg begleitet hat. Und vieles, was zuvor schon im Hintergrund erledigt wurde, ahnt man nun zumindest. Auch dass – ob ausdrücklich sichtbar oder nicht – die vielen Schritte, die die Fanbeauftragten an diesem Tag und in den vergangenen 14 Jahren schon gegangen sind, ihre Abdrücke hinterlassen.

Es waren große und kleine Schritte, oft 20.000 und noch mehr an einem Tag. Und viele weitere wollen Sabrina Tröller, Sina Wochner, Andreas Wehrle und Tilman Buggle noch gehen. Schritte mit dem immer gleichen Ziel: das Zusammenspiel zwischen dem Verein und seinen Fans nachhaltig voran zu bringen. Für den Verein. Für die Fans. Und mit den Fans.                    

Christian Engel

Fotos: SC Freiburg

Dieser Text erschien erstmals in unserem Stadionmagazin "Heimspiel", das hier auch im Abo erhältlich ist.

 
Ihr Browser ist veraltet.
Er wird nicht mehr aktualisiert.
Bitte laden Sie einen dieser aktuellen und kostenlosen Browser herunter.
Chrome Mozilla Firefox Microsoft Edge
Chrome Firefox Edge
Google Chrome
Mozilla Firefox
MS Edge
Warum benötige ich einen aktuellen Browser?
Sicherheit
Neuere Browser schützen besser vor Viren, Betrug, Datendiebstahl und anderen Bedrohungen Ihrer Privatsphäre und Sicherheit. Aktuelle Browser schließen Sicherheitslücken, durch die Angreifer in Ihren Computer gelangen können.
Neue Technologien
Die auf modernen Webseiten eingesetzten Techniken werden durch aktuelle Browser besser unterstützt. So erhöht sich die Funktionalität, und die Darstellung wird verbessert. Mit neuen Funktionen und Erweiterungen werden Sie schneller und einfacher im Internet surfen können.