In der kleinen Heimspiel-Taktik-Schule erklärt U23-Trainer Bernhard Weis, warum für erfolgversprechende Flanken nicht nur Präzision und Schärfe nötig sind, sondern auch das Gefühl für Räume – beim Flankengeber genauso wie beim Stürmer.
Herr Weis, was macht gute Flanken aus, außer dass sie zu Toren führen?
Weis: Zunächst geht es da um Präzision und eine gewisse Schärfe, sodass der Flankenempfänger den Kopf oder ein anderes Körperteil bestenfalls nur in die Flugbahn bringen muss oder – besonders beim Kopfball am langen Pfosten – durch gute Körperspannung und Technik den Ball mit ausreichend Druck platziert ins Tor setzen kann. Kommt die Flanke dafür zu weich, köpfst du womöglich besser quer vors Tor auf nachstoßende Mitspieler.
Nennt man flache Hereingaben eigentlich auch Flanken?
Weis: Ja. Eine flach gespielte Flanke ist etwa der sogenannte Vornerum-Ball. Dabei ziehst du den Ball durch den Raum zwischen letzter Verteidigungslinie und Tor nach innen, hart und mit Effet vom Tor weg, damit der Keeper nicht hinkommt. Immer öfter sieht man zudem den flachen Para-Ball aus dem Halbfeld, der quer, parallel zur Sechzehnerlinie – daher der Name – nach innen gelegt wird, wo dann ein Mitspieler aus 16 bis 20 Metern mitunter frei schießen kann. Denn statt Gegner sauber aufzunehmen, laufen Spieler beim Verteidigen häufig zu sehr zum eigenen Tor hin, um es zu schützen, vernachlässigen somit aber den Rückraum.
Was ist zur Flanke von der Grundlinie zu sagen?
Weis: Da brauchst du erstmal Spieler, die den Speed haben, zur Grundlinie durchzugehen. Etwa nach einem Steckpass ist dann die Frage: Erwische ich den Ball noch locker vor der Grundlinie, sodass ich Zeit habe, auszuholen. Oder bleibt mir nur der Chip, bei dem ich aus vollem Lauf mit dem Spann quasi unter den Ball steche, um ihn im Bogen Richtung zweiter Pfosten zu bringen.
Wie sieht ansonsten die perfekte Flankentechnik aus?
Weis: Wichtig ist da schon ein sauberer erster Kontakt. Will ich etwa vornerum flanken, sollte ich den Ball bei der Annahme weit genug von mir weg legen, damit ich mit Anlaufschritten und Ausholbewegung genug Schärfe reinbringen kann. Gerade im Kindertraining sagen wir zudem gern, dass die Fußspitze des Standbeines in die Schussrichtung zeigen soll. Effet bekommt man rein, indem man beim Treffpunkt mit Innenseite oder Innenspann die Fußspitze noch schnell hochzieht. Allgemein sollte ich vor Flanken zudem den Kopf heben: Ist der Strafraum überhaupt gut besetzt? Welcher der torgefährlichen Räume – kurzer Pfosten, langer Pfosten, Rückraum – ist am besten bespielbar? Und wie? Oder breche ich besser noch mal ab, damit meine Mitspieler – hoffentlich statt abzuschalten – sich neu positionieren können? Überhaupt ist auch das Timing der Spieler in der Box wichtig: Fordere ich etwa die Flanke auf den kurzen Pfosten, darf ich, nach Lauffinte und Rhythmuswechsel, nicht zu früh in der perfekten Position sein. Mitunter starten Stürmer zu früh zum kurzen Pfosten, laufen durch und haben somit, wenn der Ball kommt, beim Abschluss einen quasi unmöglichen Winkel zum Tor.
Das Ziel ist also ein perfekt abgestimmter Ablauf. Sollten Stürmer und Außenspieler da nicht einfach im Voraus absprechen, wo die Flanken hinkommen? Sonst drohen Lauffinten des Stürmers nicht nur dessen Gegenspieler, sondern auch den aufblickenden Flankengeber zu täuschen.
Weis: Absprachen sind absolut hilfreich. Ex-SC-Stürmer Nils Petersen etwa wusste immer, wo seine Mitspieler auf den Außenpositionen je nach Situation hinflanken. Bei Flanken brauchen die beteiligten Spieler aber immer auch Gespür für die konkrete Spielsituation, für Raum und Timing.
Sind Halbfeldflanken leichter zu verteidigen als Flanken von der Grundlinie?
Weis: Tendenziell ja, weil die Verteidiger da die Situation vor sich und Gegner und Ball besser im Blick haben. Vor der Grundlinienflanke wiederum bewegt sich die Verteidigung zum Tor hin, sodass die Flanke gegen ihren Lauf, also in den Rücken der Abwehr, sehr unangenehm ist. Auch die Halbfeldflanke ist aber gefährlich. Manche Teams spielen ja mitunter Eckbälle kurz, um gegen einen in Bewegung versetzten Gegner dann lieber aus dem Halbfeld zu flanken. Allgemein kann nach Flanken, ob mit Effet zum Tor hin oder vom Tor weg, immer was passieren, besonders wenn du durchsetzungskräftige Kopfballspieler in der Box hast. Dann sage ich klar: Bring das Ding!
Interview: Timo Tabery und Uli Fuchs
Dieser Text erschien erstmals in unserem Stadionmagazin "Heimspiel", das hier auch im Abo erhältlich ist.